Evangelische Klöster

Martin Luther

Martin Luther hätte nicht im Traum an ein evangelisches Kloster gedacht. Im Gegenteil: Luther leitete die Reformation und damit die Gründung der evangelischen Kirche ein. Luther übte auch harsche Kritik an den Klöstern und im Zuge der Reformation kam es zu Auflösungen von Orden und Klöstern in den reformierten Gebieten.


Mönch Martin Luther

Nach der Lutherschen Lehre steht das Klosterleben, stehen die Klostergelübde, in Widerspruch zu der Rechtfertigungslehre. Die Rechtfertigungslehre wird aus dem Römerbrief des Paulus abgeleitet. Sie besagt, dass Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch gute Werke und ein gottgefälliges Leben erreicht werden können, sondern allein durch die Gnade Gottes und das Opfer, das Christus durch seine Kreuzigung erbracht hat. Die Sichtweise der Katholischen Kirche im Mittelalter besagte jedoch, dass die Nonnen und Mönche nach dem Ablegen ihres Gelübdes einen Stand der Vollkommenheit erreicht haben, die sie über andere Christen hinaushob.
Blickt man auf das Zeitalter der Reformation zurück, so ist es ein großer Gegensatz, dass es im 20. Jahrhundert zu einer Vielzahl von evangelischen Klostergründungen kam. Ein evangelisches Kloster nach dem anderen wurde eröffnet, und zwar nachdem im 19. Jahrhundert Diakonengemeinschaften zu dem Zwecke gegründet worden waren, den sozialen Probleme der Industriegesellschaft durch Innere Mission entgegen zu treten. Zuvor waren bereits im 18. Jahrhundert die Herrnhuter Brüder bekannt geworden.
Pastor Theodor Fliedner stand schaute zu den niederländischen Mennoniten und schuf im Jahr 1837 das Amt der Diakonisse und gründete in Kaiserswerth bei Düsseldorf das erste Diakonissenhaus. In den Diakonissenhäusern werden unverheiratete junge Frauen für den Beruf der Diakonisse ausgebildet.
1854 gründete Wilhelm Löhe ein zweites Diakonissenhaus.  Löhe verfasste für die Diakonissen ein Regelwerk, das auf die alten Fundamente des mönchischen Lebens fußte, auf den Evangelischen Räten, auf denen auch die Benediktusregel basiert. Die Evangelischen Räte bedeuten: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Gelübde auf Lebenszeit legten die Diakonissinnen aber nicht ab.
Einer der Vorreiter der Klostergründungsbewegung des evangelischen Glaubens war Johann Heinrich Wichern. Er eröffnete in Hamburg ein Waisenhaus. Im Jahr 1844 entstand aus der Gruppe seiner Helfer eine diakonische Bruderschaft. Wichern schrieb 1858 ein Regelwerk, die „Ordnungen der Brüder“. Diese waren die verpflichtende Grundlage des geistlichen Lebens der Brüder.
Im 20. Jahrhundert begann ein Umdenken in der evangelischen Kirche. Von der mittelalterlichen Interpretation der Gelübde als moralische Heraushebung der Mönche und Nonnen wurde Abstand genommen. Man besann sich auf die Grundidee des Ordens- und Klosterwesens, die das Leben im Kloster als Weg völliger Hingabe an Gott und als Leben nach dem Vorbild der Urkirche betrachtet. Gleichzeitig setzte in der evangelischen Kirche eine liturgische Erneuerungsbewegung ein. Und so schuf man für die Spiritualität einen neuen Ort.

Evangelische Klöster


Magdalenenstift in Altenburg, evangelisches Kloster

In der Mitte des 21. Jahrhunderts wurden erste echte evangelische Klöster gegründet, Kommunitäten, also geistliche Gemeinschaften, in denen sich die darin lebenden evangelischen Christen freiwillig zur Annahme der Evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam verpflichten. Armut wird allerdings oft als Gütergemeinschaft verstanden, also als Teilung der vorhandenen immateriellen Güter.
Die Evangelische Marienschwesterschaft Darmstadt ist eine der ersten klosterartigen evangelischen Gemeinschaften. Sie stellt heute die größte evangelische Klostergemeinschaft dar. Die Marienschwesterschaft Darmstadt wurde 1947 von der Psychologin Klara Schlink gegründet. Sie nannte sich später Mater Basilea Schlink. Das Kloster wurde Kloster Kanaan getauft. Heute wohnen und wirken dort 200 Ordensschwestern und einige Brüder. Die Marienschwestern engagieren sich bereits seit ihrer Gründung in der Ökumene.
Die Kommunitäten sind größtenteils nach den traditionellen Mönchsprinzipien Armut (Gütergemeinschaft), Keuschheit und Gehorsam organisiert. Der Aufnahme in die Kommunität geht eine mehrjährige Probezeit voraus und es erfolgt eine lebenslange Bindung an den  Orden. Meist sind es reine Schwestern- oder Brüderkommunitäten.
Allerdings gibt es auch andere Organisationsstrukturen. So wurde beispielsweise 1961 in Gnadenthal im Taunus die Jesusbruderschaft gegründet. Heute gehören ihr etwa 150 Mitglieder an, Brüder, Schwestern und Familien. Die Brüder und Schwestern sind ehelos, die Familien leben als christliche Großfamilie.

Leben im evangelischen Kloster

Das Leben im evangelischen Kloster ist dem in einem katholischen Kloster sehr ähnlich. Es orientiert sich am opus dei, am Gotteslob. Es finden drei oder vier gemeinsame Stundengebete statt, mehrmals wöchentlich wird ein Gottesdienst mit Abendmahl gefeiert. Die Brüder und Schwester in einem evangelischen Kloster haben wie die katholischen Orden ein Ordensgewand, sie kennen Prozessionen, Kreuzzeichen, Verneigung, Gebetslichter, Ikonen, Weihrauch und die Einzelbeichte.
Neben dem Gotteslob, dem Gebet, steht das gemeinsame Leben im Kloster und Arbeiten im Mittelpunkt der evangelischen Gemeinschaften. Viele evangelische Kommunitäten sehen es als ihre Aufgabe, Gäste zu beherbergen und spirituelle Seminare anzubieten. Auch möchten sie vielen Menschen den Gedanken des „Kloster auf Zeit“ näher bringen.
Etwa 120 evangelische Kommunitäten zählt man heute in Deutschland, 40 davon führen ein ordensähnliches Leben, wie man es von einem katholischen Kloster her kennt.